Das falsche Grab auf dem Friedhof in der Lilienthalstraße.

Kapitel I

Biographie von Heinrich Müller

Vom Flugzeugschlosser zum Gestapo-Chef

Herkunft und Kindheit

Die Familie gehörte zur unteren Mittelschicht in München, der Vater war ein einfacher Polizist, die Familie sehr katholisch. Der im Jahre 1900 geborene Junge erhält eine seinem sozialen Umfeld entsprechende Ausbildung: kein Gymnasium, sondern eine öffentliche Schule und eine Werkstattausbildung, aber für einen hypermodernen Beruf: Flugzeugschlosser. Wie viele deutsche Jungen zu dieser Zeit meldet sich Heinrich mit 17 Jahren freiwillig zur Armee. Er tritt in die Königlich Bayerischen Streitkräfte ein.

Heinrich Müller als ziemlich junger Mann. Eines der wenigen Fotos, auf denen er Zivilkleidung trägt.
Heinrich Müller als ziemlich junger Mann. Eines der wenigen Fotos, auf denen er Zivilkleidung trägt.

Erster Weltkrieg

Der Sprung vom Flugzeugschlosser zum Piloten mag in den Anfängen der Luftfahrt und während des Krieges kein großer gewesen sein, und der junge Heinrich hat den Sprung geschafft. Als jugendlicher Flieger soll er sehr erfolgreich gewesen sein, wurde mehrmals ausgezeichnet. Nach Kriegsende wurde er zwar befördert, aber ohne höhere Ausbildung konnte ihm nur der Rang eines Unteroffiziers zugeteilt werden.

Nachkriegszeit in Bayern

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war in Bayern sehr turbulent, für kurze Zeit war das Land sogar eine sozialistische Räterepublik. Müller sympathisierte wahrscheinlich mit dessen äußerstem Gegenteil, den reaktionären bayerischen Freikorps. Später soll er Anhänger der BVP, der Bayerischen Volkspartei, gewesen sein, einer stark katholischen Partei, die sich zeitweise für die Unabhängigkeit Bayerns von Deutschland einsetzte. Auch Himmler unterstützte diese Partei, verließ sie aber 1923.

Polizeikarriere in München

In den 1920er Jahren entwickelte sich die bayerische Landeshauptstadt München zu einem Zentrum für alle Arten von reaktionären und rechtsradikalen Gruppen. In diesen Jahren arbeitete Müller für die Münchner Polizei. Seine Karriere war erfolgreich; er war vor allem als energischer Überwacher kommunistischer Gruppen bekannt. Ein besonderes Interesse soll er auch an Lenins Geheimpolizei und deren Methoden gehabt haben.

Gegner der Nazis

Er war jedoch kein Nationalsozialist: Er stand für Bayern ein, und ging mit harter Hand gegen alle Arten von Extremisten vor. So schritt Müller nicht nur gegen Bolschewiken, sondern auch gegen nationalsozialistische Unruhestifter und Putschisten energisch ein. Auch soll er Hitler herablassend als arbeitslosen, eingewanderten Anstreicher bestempelt haben. Sowohl beim Bierkellerputsch 1923 als auch bei der Machtergreifung 1933 ging er klar gegen die Nazis vor. All dies führte natürlich dazu, dass er innerhalb der NSDAP Feinde gewann.

Weg zur Gestapo

Paradoxerweise führte die Machtübernahme der Nationalsozialisten jedoch zu einer bemerkenswerten Beschleunigung seiner Karriere. Denn, als die Nazis die Kontrolle über Deutschland übernahmen, begann ein Prozess, der als die Gleichschaltung der Länder im ganzen Reich bekannt ist. Das galt auch für die vielen lokalen Polizeikräfte.

Heydrichs Schützling

Und als Reinhard Heydrich (1904-1942) im Jahre 1934 reichsweiter Leiter der Gestapo wurde, machte er den energischen Müller zu seinem Stellvertreter. In weniger als zwei Jahren war Müller von einem mittleren Posten bei der Bayerischer Polizei zu einer Spitzenposition im Deutschen Reich aufgestiegen! Sein Förderer Heydrich sah also über Müllers politische Vergangenheit hinweg und erkannte seine große Kapazität und seine Anpassungsfähigkeit.

Oslo September 1939. Müller links von Heydrich auf dem Bild.
Oslo September 1939. Müller links von Heydrich auf dem Bild.
November 1939. Von rechts: Müller, Heydrich und Himmler.
November 1939. Von rechts: Müller, Heydrich und Himmler.

SS-Rang und Parteimitgliedschaft

Müller erhielt auch in der SS einen hohen Rang, wahrscheinlich weil die SS der Gestapo formell übergeordnet war. Aber die hyper-nationalsozialistische Ideologie der SS war dem Katholiken aus Bayern wohl ziemlich fremd. Seine schnelle Karriere zeigt jedoch, dass die Parteimitgliedschaft in der NSDAP nicht immer so wichtig war; erst 1939 trat Müller der Partei bei. Als Heydrich dann, im Jahre1942, bei einem Attentat vor Prag ums Leben kam, wurde Müller in Deutschland und den besetzten Gebieten der höchste Leiter der Gestapo.

Müller als SS-General. Die Gestapo hatte keine eigenen Uniformen.
Müller als SS-General. Die Gestapo hatte keine eigenen Uniformen.

Verantwortung für Kriegsverbrechen

Während seiner Zeit bei der Gestapo erzielte Müller sowohl Erfolge in der Kontraspionage wie im Aufspüren von Gegnern des Nazismus. Vor allem war Müller einer der Hauptverantwortlichen für eine Reihe von Verbrechen ungeahnten Ausmaßes, wie die Kristallnacht 1938, die Wannsee-Beschlüsse 1942 und die Durchführung der Judenvernichtung.

Die Notiz in den SS-Archiven über Müllers uneheliches Kind mit Lebensborn.
Die Notiz in den SS-Archiven über Müllers uneheliches Kind mit Lebensborn.