Ein Hinweis aus Norwegen
Nach all diesen Recherchen und Spekulationen, die zu keinem Beweis, sondern nur zu einer offiziellen Todeserklärung geführt haben, könnte ein Hinweis aus Norwegen Licht auf das Schicksal des Gestapo-Chefs werfen.
Dieser Hinweis wirft nicht nur ein neues Licht auf den Fall, sondern fügt auch eine menschliche, existenzielle Dimension hinzu, denn es geht um die Suche nach einem Vater, in diesem Fall um die Suche einer Tochter nach einem Vater, den sie nie kennengelernt hat.
Diese in Norwegen aufgewachsene Tochter hatte sich als Kind schon lange Gedanken darüber gemacht, wie es kam, dass sie Deutsch konnte, wo sie ihre frühesten Jahre verbracht hatte, und wer ihr Vater war. Durch Zufall kam sie in den 1990er Jahren in Göteborg in Kontakt mit Lars Weldeborn (geb. 1952) von der SVT, (dem Fernsehen Schwedens), der von ihrer Geschichte fasziniert war: eine leibhaftige Tochter des obersten Gestapo-Chefs, des geheimnisvollen Heinrich Müller! Nach umfangreichen Vorbereitungen und grünem Licht der Führungsgruppe am Fernsehen, wird ein Reporterteam zusammengestellt, das den Weg der Tochter in ihrer Suche nach der Wahrheit über ihren Vater, verfolgen soll.
Der Fernsehfilm zeigt die Tochter beim Besuch verschiedener Archive in Deutschland. In einem Archiv für SS-Offiziere gibt es ein Dossier über Heinrich Müller, in dem vermerkt ist, dass er ein illegitimes Kind in der Obhut der Organisation Lebensborn hatte. Dies war eine SS-Organisation, die sich um sogenannte arische Kinder mit deutschen Vätern in den besetzten Ländern kümmerte.

Leider sagt der Eintrag in Müllers Akte nichts darüber aus, wo dieses Kind geboren wurde. Aber die Notiz passt zu einer Notiz in einem norwegischen Krankenhaus, dass ein Heinrich Müller der Vater einer im Juni 1944 geborenen Tochter war. Natürlich besteht eine gewisse Verwechslungsgefahr mit einem anderen Heinrich Müller. Dafür, dass es tatsächlich um Gestapo-Müller geht, sprechen einige Fakten. Die wahrscheinliche Tochter ist ihm sehr ähnlich. Als Kind fand sie ein Foto eines Deutschen in Uniform, das ihre Mutter sofort vernichtet. Die Großmutter erinnert sich, dass im Sommer 1943 ein deutscher Offizier in der gefürchteten Uniform auf der Suche nach seiner Freundin auftauchte.
Wir wissen nicht, wie oft Heinrich Müller Norwegen besucht hat, aber wahrscheinlich mehrmals. Ein Besuch im Jahre 1941 ist durch ein Foto dokumentiert, und zwar in Aftenposten des 8 September 1941. F Das Foto zeigt die Spitze der Gestapo beim Besuch einer deutschen Grabstätte in Oslo.


Da die norwegische Tochter aus früheren Recherchen erfahren hatte dass ihr Vater ein gläubiger Katholik war, zog sie mit dem Fernsehteam nach Rom und in den Vatikan, wo mehrere einflussreiche Katholiken dafür bekannt waren, dass sie vielen Nationalsozialisten über die so genannte Rattenlinie zur Flucht verholfen hatten.
In Rom rief sie einfach beim Vatikan an und bat um Informationen über ihren Vater. Sein Name und seine Existenz schienen bekannt zu sein, was an sich schon seltsam ist; warum sollte der Vatikan 50 Jahre nach dem Krieg etwas über einen SS-General wissen? Sie wird in Verbindung gebracht mit dem Kirchenhistoriker Erwin Gatz (1933–2011), der verspricht, ihr Bescheid zu geben.
Nach einigen Tagen erhält sie tatsächlich einen Brief mit ein paar Kopien aus einem gedruckten Buch, aber ohne irgendwelche Erklärungen. Die Dokumente entsprechen kaum dem, was die Tochter erwartet hatte; kein Wort über irgendeinen Müller. Als sie ein zweites Mal anruft, um Gatz zu bitten, ihr zu erklären, was er gemeint hat, weist er sie ab und macht ihr klar, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben will.
In den Dokumenten handelt es sich um einen Mann namens Hudal. Wer war dieser Hudal? Er taucht weder in der Literatur über Müller auf, noch gibt eine kombinierte Suche nach den Nachnamen der beiden im Internet irgendwelches Resultat.
Wer war Hudal?
Hudal war ein Mann mit vielen Namen, vielen Titeln und vielen leicht unterschiedlichen Meinungen. Sein Name war Alois Karl Hudal, manchmal auch Luigi genannt. Er stammte aus Graz (1885-1963), wurde zum Priester geweiht, promovierte zum Doktor der Theologie und spezialisierte sich zunächst auf die orthodoxen Kirchen, dann ein zweites Mal auf das Alte Testament. Letzteres machte er am österreichischen Priesterseminar Santa Maria Dell ‘Anima in Rom, das seine Basis wurde. In Graz erhielt er den Titel eines Professors. 1933 wurde er zum Titularbischof von Aela ernannt.
Im Jahre 1937 wurde er Rektor dieses Priesterseminars und versuchte, es zu einem deutschsprachigen Kulturzentrum in Rom zu machen. Im selben Jahr veröffentlichte er ein stark beachtetes Buch mit dem Titel Die Grundlagen des Nationalsozialismus, in dem er für die Verflechtung von Katholizismus und Nationalsozialismus plädierte. Das Buch wurde ehrfürchtig Hitler gewidmet, und Hudal wurde scherzhaft als „brauner Bischof“ bezeichnet. Für die Kirche war es wichtig, die guten Seiten des Nationalsozialismus zu würdigen. Sein Hauptgedanke war, dass der Katholizismus und der Nationalsozialismus gemeinsam gegen den Marxismus und den Kommunismus, oder Bolschewismus, wie er damals genannt wurde, kämpfen sollten. Er distanzierte sich jedoch vom Atheismus und Neuheidentum der Nazis. Für seine Ideen erhielt er starke Unterstützung.

Doch sein Einfluss, der bis dahin stetig gewachsen war, erreichte im folgenden Jahr einen deutlichen Wendepunkt. Hudal setzte sich energisch für den Beitritt Österreichs zum Deutschen Reich ein. Diese Ansichten machten sowohl seiner Karriere als auch seinem Einfluss ein Ende. Die katholische Kirche im Allgemeinen war von dieser Idee nicht angetan. Der Vatikan war von Italienern beherrscht, die es lieber gesehen hätten, wenn Österreich das geblieben wäre, was es 1938 war: ein erzkatholischer und halbfaschistischer Staat. Auch Mussolini und die italienische Regierung waren von der Veränderung nicht begeistert.

Obwohl Hudal durch seine Unterstützung des deutschen Nationalsozialismus belastet war, rettete er 1943–1944 in Rom einzelne Flüchtlinge, die vor den Nationalsozialisten auf der Flucht waren, darunter zwei Neuseeländer. Möglicherweise trug er auch dazu bei, dass in Rom, in der Endphase des Krieges, tausend Juden verschont wurden. Ob er dies aus Herzensgüte oder aus Eigennutz tat, lässt sich nicht sagen. Obwohl er ein starker Antisemit war, scheint er die vermeintlich wissenschaftliche Auffassung der Nazis von den Juden als einer biologischen Ethnie, die ausgerottet werden musste, nicht geteilt zu haben. So soll er sich zum Beispiel gegen die Nürnberger Gesetze von 1935 ausgesprochen haben, die den Grad des Jüdischseins definierten.
Nach dem Krieg verlor er jegliches offizielle Ansehen, wurde aber gleichzeitig zu einer zentralen Figur in der so genannten Rattenlinie, der geheimen Hilfsorganisation der katholischen Kirche für nationalsozialistische und faschistische Kriegsverbrecher. Auch das Rote Kreuz und die Caritas beteiligten sich an dieser Arbeit. In seinen 1962 geschriebenen, aber erst im Jahre 1976 veröffentlichten, Memoiren erklärt Hudal selbst, dass er mehreren „so genannten Kriegsverbrechern“ geholfen hat, und zwar aus reiner Menschenliebe.
Aber er blieb bis 1952 Rektor des Anima-Seminars in Rom. Er starb 1963 und erhielt ein stattliches Grab auf dem Friedhof für deutschsprachige Katholiken, Campo Santo Teutonico, innerhalb der Mauern der Vatikanstadt.

Es war also eine Dokumentation über diesen Halbnazi-Bischof Hudal, die Müllers Tochter von dem Vatikan-Historiker Erwin Gatz erhielt, als sie sich nach ihrem Vater Heinrich Müller erkundigte. Die Dokumente erzählten nicht nur die Geschichte von Hudals Leben, sondern beschrieben auch sein prächtiges Grabmal. Dort ruhten auch seine Mutter und einige anderen Personen, die mit dem Anima-Seminar verbunden waren. Aber kein Heinrich Müller. Als seine Tochter versucht, eine Erklärung zu bekommen, wird sie wie bereits erwähnt, von Gatz abgewiesen.
Wer war Franz Andreas Kaminski?
Doch die Tochter und das schwedische Fernseh-Team lassen die in den Dokumenten gefundene Spur nicht los, und die Aufmerksamkeit richtet sich auf einen Franz Andreas Kaminski im Grab von Hudal. Er soll am 23. September 1903 in Graz, Österreich, geboren worden und am 23. Januar 1973 in Rom gestorben sein. Er soll mehr als 40 Jahre lang, also vor 1933, Verwalter im Anima-Seminar gewesen sein. Auch seine Frau wurde dort begraben.

Um die Informationen über die Kaminskis zu bestätigen, kontaktiert Müllers Tochter alle möglichen Behörden in Österreich. Aber die gesuchten Personen sind in den Archiven nicht zu finden, weder geboren noch getauft noch verheiratet. Es ist daher wahrscheinlich, dass ihre Namen Decknamen für andere Personen sind. (Am Ende des Fernsehprogrammes besucht die Tochter einen katholischen Pfarrer in Graz, der ihre Auffassung teilt.)
Um mehr Klarheit zu bekommen, begibt sich das Fernseh-Team zu dem damaligen Rektor des Anima-Seminars, Johannes Nedbal (1934–2002). Das Team teilt ihm ihren Verdacht mit, dass Kaminski mit Müller identisch sei, und zeigt ihm ein Foto von Müller. Das Bild ist ein schlechtes Foto auf einem einfachen A4-Papier, eines der ganz wenigen, wo Müller in Zivil gekleidet ist. Der Direktor stellt eine gewisse Ähnlichkeit mit Kaminski fest, den er seit vielleicht 40 Jahren nicht mehr gesehen hat (also um 1955), und sagt, es könnte Kaminski sein. Was er aber wirklich meint, ist, dass Kaminski kaum wie ein Gestapo-Offizier aussah, sondern eher wie ein steirischer Förster.

Diese scherzhafte Beschreibung passt nicht so schlecht auf den nur 170 cm großen und unauffälligen Müller.
Der Rektor macht zunächst eine spontane Bemerkung und stellt in Frage, ob Kaminski wohl ein guter Katholik gewesen sei. Was hinter dem Kommentar steckt, bleibt unklar, aber offenbar weckt der Name Kaminski beim Schulleiter eine negative Erinnerung.
Um weitere Menschen zu finden, die den Mann auf dem Bild erkennen könnten, begibt sich das Fernseh-Team zusammen mit dem Rektor in das Büro des Seminars Anima. Nur der Rektor weiß, dass es sich bei dem Foto um Müller handelt. Rektor Nedbal fragt nun Arcangelo Speciale, den Verwalter des Priesterseminars, Kaminskis Nachfolger, ob er Kaminski wiedererkennt.


Nach anfänglichem Zögern sagt der Verwalter mit Nachdruck: „Ja, das ist er“, und sagt, dass er Kaminski vor seinem Tod kennengelernt habe. Die Kamera fängt ein, wie sich die Miene des Rektors verfinstert und er für einen Moment schweigt. Als er dann die eindeutige Antwort des Verwalters für Müllers Tochter ins Deutsche übersetzt, schwächt er die deutsche Übersetzung ab und sagt undeutlich: „Er sagte, dass er, als er sehr jung war, vielleicht so ausgesehen hat.“ Dem Rektor scheint es gar nicht zu gefallen, dass Müller tatsächlich identifiziert wurde. Er verrät den Mitarbeitern des Seminars aber nichts.
Die Mitarbeiter des Seminars geben nun weitere Informationen über Kaminski. Bereits 1931, vor dem Krieg, soll er sich im Seminar versteckt haben, um dem Militärdienst zu entgehen, aber es ist nicht klar, woher er kam. Nach dem Krieg soll er für eine Filmgesellschaft gearbeitet haben, kehrte aber in den 1950er Jahren als Verwalter an das Seminar zurück. Er soll auch der Chauffeur von Hudal gewesen sein. Diese Angaben lassen sich nur schwer mit den Angaben im Buch über Hudals Grab in Einklang bringen. Laut Buch soll Kaminski immerhin mehr als 40 Jahre lang, also bereits vor 1933, als Verwalter des Anima-Seminars gearbeitet haben.
Das schwedische Fernsehteam fragt nach Fotos von Kaminski und wird an eine ältere Mitarbeiterin verwiesen, die bei sich zu Hause Fotos haben muss. Sie gehen dorthin, aber die Dame kann kein einziges Foto von Kaminski finden. Die Tatsache, dass das Seminar mindestens von 1950 bis 1973, vielleicht sogar schon seit 1931, einen Mitarbeiter hatte, der auf keinem einzigen Foto zu sehen ist, ist schon merkwürdig. Die Dame erzählt spontan, dass Herr Kaminski nicht in die staatliche Versicherung aufgenommen wurde. Es zeigt sich außerdem, dass er bei den italienischen Behörden überhaupt nicht gemeldet war, obwohl er schon über 40 Jahre im Lande gelebt hätte!
Die Dame behauptet, dass Kaminski eigentlich Kamienski hieß, und dass sein Vater Pole war und zwei Brüder gehabt hatte, die aber kinderlos gestorben waren.
Später am Tag kehrt das schwedische Fernsehteam zum Anima-Seminar zurück. Nun wird das Team mit völlig anderer Information empfangen. Der Verwalter, der eben noch erklärt hatte, Kaminski vor seinem Tod kennengelernt zu haben, erklärt nun mit vielen Worten, er habe ihn nie getroffen. Offenbar sind die Mitarbeiter darüber informiert worden, dass Kaminiski wahrscheinlich mit Gestapo-Müller identisch ist.
Das Team versucht auch telefonisch die Tochter von Herrn Kaminski zu erreichen, die eine Familie hat und in Rom lebt. Sie lehnt ein Interview mit dem schwedischen Fernsehen ab, und später droht ihr Mann damit, die Polizei zu rufen und das schwedische Fernsehen zu verklagen. Es kommt also nie zu einem Interview. Warum sind die Tochter und ihr Mann so abweisend und verärgert?
Der Tochter wird, beim Abschied vom Seminar, versprochen, dass die Mitarbeiter Dokumente schicken werden, woraus hervorgeht, dass sich Kaminski schon vor dem Zweiten Weltkrieg dort aufgehalten hatte. Aber das Anima-Seminar lässt nichts mehr von sich hören.
Müller auf der Flucht im Jahre 1945
Wenn es Müller gelungen ist, nach Rom zu gelangen und dort seinen Namen in Kaminski zu ändern, wie hat er das geschafft? Wie hat er in Berlin überlebt, nachdem er und sein Mitarbeiter Scholz Hitlers Bunker verlassen hatten? Darüber kann man nur spekulieren. Aber er – wenn überhaupt jemand – kannte wahrscheinlich weit mehr geheime Wege aus Berlin hinaus als die meisten.
Die verschiedenen Geschichten darüber, wie er tot aufgefunden wurde, sind zum Teil widersprüchlich und – nur Geschichten. Es scheint wahrscheinlich, dass Müller, der während Jahren Fälschungen, Provokationen und gelungene Kontraspionage administriert hatte, mit seinem Wissen und seinen Ressourcen etliche falsche Fährten gelegt haben könnte. In einer seiner zahlreichen Biografien wird erwähnt, dass er ein vorrangiger Schachspieler war. Womöglich hatte er sein Verschwinden schon längst geplant. Keiner von denen, die behaupteten, seinen toten Körper gefunden zu haben, hatte den Körper oder das Gesicht der Person fotografiert, die sie für Müller hielten.
Wie er dann mit Hudal in Rom in Kontakt gekommen sein könnte, ist ebenfalls unbekannt. Wenn man im Internet kombiniert nach den beiden Nachnamen sucht, wie oben gesagt ist, erhält man keinen einzigen Treffer.
In der schwedischen Fernseh-Dokumentation gibt es nur ein einziges Foto, das Müller, mit einem möglichen Hudal im Hintergrund, zeigt, nämlich zur Gelegenheit von Hitlers grandiosem Besuch in Rom 1938. Auch wenn Hudal und Müller sich nicht persönlich kannten, müssen sie doch voneinander gewusst haben. Ihr politisches Profil ist recht ähnlich: Sie sind keine vollblütigen Nationalsozialisten, sondern glühende Katholiken, die vom Hass auf den Bolschewismus besessen sind.

Da Hudal offensichtlich einer der Hauptakteure der Rattenlinie war, bedurfte es keiner vorherigen persönlichen Freundschaft mit ihm, für einen Nazi auf der Flucht, um von ihm zu einem Versteck geholfen zu werden. Ein Beispiel dafür ist Adolf Eichmann, der keineswegs zur Gruppe der süddeutschen oder österreichischen katholischen Nationalsozialisten gehörte, sondern evangelisch-lutherischer Herkunft war, der dennoch von der Rattenlinie betreut wurde. Als Dank dafür soll er zum Katholizismus konvertiert sein.
Und da Müller einer der besten Kenner Europas in Bezug auf geheime Organisationen und Schleichrouten war, dürfte es ihm ein Leichtes gewesen sein, Kontakt mit Hudal aufzunehmen. Auf dem Weg nach Rom konnte sich Müller in verschiedenen Klöstern und Kirchen verstecken, weil die Alliierten darauf verzichteten, solche Gebäude nach Nazi-Verbrechern zu durchsuchen!
In seinen Memoiren von 1962 gab Hudal zu, dass er Nationalsozialisten zur Flucht verholfen hatte. Wie oben erwähnt, nannte er seine Schützlinge «sogenannte Kriegsverbrecher», die gegen den Bolschewismus gekämpft hatten. Er sagte, seine Hilfsaktion sei eine Form von mitfühlender Liebe gewesen. Hudal nannte keine Namen, aber es wird angenommen, dass er unter anderen Adolf Eichmann, Klaus Barbie - dem Mörder von Lyon - und Josef Mengele geholfen hat.

Schlusswort
Die schwedische Fernsehdokumentation wurde 1995 gesendet und stieß auf erstaunlich wenig Interesse. Sie wurde weder ins Fernseharchiv („SVT Öppet Arkiv“), oder in die nach der Sendung zugänglichen Fernsehprogramme („Play“) aufgenommen. Möglicherweise kam dies durch das Urheberrecht gewisser Quellen. Dagegen kann der Dokumentarfilm in der Königlichen Bibliothek in Stockholm und auf Internet, besonders YouTube, unter dem Namen „Pappa var Gestapochef“ aufgespürt werden.
Der Verantwortliche für den Dokumentarfilm, Lars Weldeborn (geb. 1952), glaubt kaum, bewiesen zu haben, dass „Kaminski“ mit Gestapo-Müller identisch ist. Ich selbst halte es jedoch für sehr wahrscheinlich, und bevor man seine Fernseh-Dokumentation als Infotainment abtut, sollte man versuchen, die folgenden Fragen zu beantworten:
- Warum bekam die Tochter Müllers Buchseiten über einen Bischof und wer sonst noch in seinem Grab lag, als sie nach Gestapo-Müller fragte?
- Warum wollten die Historiker des Vatikans nicht mehr von ihr wissen, als sie nach der Bedeutung der Buchseiten fragte?
- Warum gab es bei den österreichischen Behörden niemanden mit „Kaminskis“ persönlichen Daten?
- Warum gab es in den Archiven des Priesterseminars keine Fotos oder Aufzeichnungen über „Kaminski“, obwohl er dort 40 Jahre lang gearbeitet haben soll?
- Warum war „Kaminski“ nicht bei den italienischen Behörden registriert?
- Warum behauptete das Priesterseminar, dass „Kaminski“ eigentlich Pole war und Kamienski hieß?
- Warum wollte die Tochter von „Kaminski“ in Rom nicht interviewt werden, und warum drohte ihr Ehemann, das schwedische Fernsehen zu verklagen?
- Warum bestritt der Seminarleiter, „Kaminski“ jemals getroffen zu haben, obwohl er wenige Stunden zuvor gesagt hatte, dass er ihn vor seinem Tod kennengelernt und „Kaminski“ auch auf einem Bild von Müller erkannt hatte?
- Warum hat das Seminar nie Unterlagen an das schwedische Fernsehen geschickt, die beweisen konnten, dass „Kaminski” wirklich 40 Jahre lang dort gearbeitet hatte?
Der Fernsehzuschauer mag selbst entscheiden, was er glauben will.
Wie könnte man beweisen – oder widerlegen – dass Heinrich Müller mit dem Verwalter „Franz Kaminski” im österreichischen Priesterseminar in Rom identisch war? Eine Durchsuchung des Massengrabes auf dem alten jüdischen Friedhof an der Großen Hamburgerstraße ist aus jüdisch-religiösen Gründen nicht möglich. Und selbst wenn sie erlaubt würde, wäre die Suche nach Müllers Leiche, in einem Massengrab unter Tausenden von anderen, wie die Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen.
Eine vernünftigere Alternative wäre es, das Grab von Hudal zu öffnen und Kaminskis Überreste zu identifizieren. Mit der modernen Osteologie wäre das nicht unmöglich, aber vermutlich würde ein solches Unterfangen vom Anima-Seminar oder Santo Campo Teutonico nicht genehmigt werden.
Es gibt jedoch einen moderneren Weg, dies herauszufinden, nämlich mit DNA-Proben. Wenn Müllers Nachkommen in Norwegen und/oder die in Deutschland, wo er Kinder hatte, ihre DNA abgeben wollten, wäre das Rätsel wahrscheinlich recht schnell gelöst – vorausgesetzt, Kaminskis Nachkommen in Italien wären ebenfalls einverstanden. Eine Verweigerung seitens der letzteren würde immer noch darauf hindeuten, dass die Dokumentation höchstwahrscheinlich ins Schwarze getroffen hat.