Hitler in Rom 1938. Die barhäuptige Zivilperson rechts ist möglicherweise Hudal.

Kapitel II

Müllers Verschwinden

Die Suche nach dem Gestapo-Chef 1945

Die Jagd der Alliierten

Noch vor dem Zusammenbruch Deutschlands im Frühjahr 1945 interessierte sich die anglo-amerikanische Spionageabwehr (CI War Room) für alle führenden Nationalsozialisten. Sie sollten gefangen genommen, verhört und vor Gericht gestellt werden. Dies war recht erfolgreich; viele wurden entdeckt, viele wurden verurteilt und einige begingen Selbstmord. Die Gestapo-Spitzen erwiesen sich jedoch lange Zeit als schwer zu fangen. Eine Anzahl von ihnen wurde schließlich aufgespürt, aber nie Müller. Noch Ende Juni 1945 glaubten die anglo-amerikanischen Nazi-Jäger, dass Müller zurzeit in Berlin lebte und sich nicht, wie viele andere, in den bayerischen Alpen versteckt hielt. Die Geläufigkeit seines Namens erschwerte erheblich die Suche nach seiner Person. In Deutschland hießen viele Heinrich Müller, unter anderen der oben schon erwähnte SS-General.

Gerüchte und Theorien

Über sein Schicksal kursierten viele Gerüchte, aber keines davon führte zu irgendeinem Ergebnis. Im Jahre 1947 durchsuchten die Westalliierten das Haus von Müllers Geliebten, aber diese Fahndung ergab keinen Hinweis darauf, dass der Gesuchte noch am Leben war. Er galt nun als tot, was als befriedigend erfahren wurde, nachdem die Suche völlig erfolglos geblieben war.

Die Frage bleibt offen

Doch die Frage, ob er wirklich tot war, blieb jahrzehntelang offen. Es tauchten Gerüchte auf, dass er hier und da in der Welt gesehen worden sei. Das vielleicht bizarrste Gerücht lautete, er sei ein hoher Polizeichef in Albanien geworden.

Der Eichmann-Prozess

Die Frage nach seinem Verbleib kam 1961 auf, als Adolf Eichmann in Israel der Prozess gemacht wurde. Er behauptete nämlich, dass Müller noch am Leben sei. Im darauffolgenden Jahr wurde auch die westdeutsche Polizei aktiv, vor allem durch die Überwachung der Familie und durch Haussuchungen bei Verwandten, bei seiner Geliebten und bei einer Sekretärin. Gab es Briefe oder andere Spuren des Kontakts? Gar nichts. Überhaupt nichts.

Die letzte bestätigte Sichtung

Es wurde nun festgestellt, dass Müller noch am Abend des 1. Mai 1945 zusammen mit seinem Mitarbeiter Christian Scholz in Hitlers Bunker gewesen war. Müller lehnte einen Gruppenfluchtversuch ab, erklärte aber auch, er habe nicht vor, sich von den Russen gefangen nehmen zu lassen. Diese Aussagen könnten darauf hindeuten, dass er Selbstmord begehen oder ausbrechen und auf eigene Faust fliehen wollte.

Mit Himmler gesehen?

Eine sonderbare deutsche Meldung, wonach Müller einige Tage nach dem Fall Berlins zusammen mit Himmler in Schleswig-Holstein gesehen wurde, konnte nicht weiterverfolgt werden. Im Laufe der Jahre häuften sich die Angaben, er sei zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs im Mai 1945 tatsächlich in Berlin gestorben. Die Jagd, die sich lange auf den lebenden Müller konzentriert hatte, fokussierte nun auf die Suche nach seinem toten Körper.

Müller als Jäger mit einer Doppelflinte.
Müller als Jäger mit einer Doppelflinte.

Drei Geschichten

Es entstanden nun innerhalb der Suche drei Hauptgeschichten.

Die Geschichte des Totengräbers

Die erste kam von einem Totengräber in Berlin. Er berichtete, dass der tote Müller aus dem Gestapo-Hauptquartier an der Prinz-Albert-Straße abgeholt und auf einem Friedhof in der Lilienthalstraße im Stadtteil Neukölln begraben worden sei. Diese Information schien durch die Tatsache erhärtet zu werden, dass es dort einen Grabstein gab mit der Inschrift «Unser lieber Vati Heinrich Müller geb. 28. 4. 1900 gef. in Berlin Mai 1945».

Das Grab wird geöffnet

Die Formulierung legt nahe, dass die Kinder der Ehe, Reinhard (1927-?) und Elisabeth Müller (1936 -?), den Stein aufstellen ließen. Das klingt normal, Kinder wollen ihren Vater ehren, auch wenn das Wort „gefallen“ für diesen speziellen Vater ein bisschen allzu positiv klingt. Zu aller Sicherheit öffnete die westdeutsche Polizei im Jahre1963 das Grab und fand tatsächlich Leichenteile, allerdings von drei verschiedenen Personen. Keine der Teile konnten von Müller stammen.

Das falsche Grab auf dem Friedhof in der Lilienthalstraße.
Das falsche Grab auf dem Friedhof in der Lilienthalstraße.

Ein falsches Begräbnis?

Welchen Sinn kann es haben, eine solche Beerdigung mit einem teuren Stein zu organisieren? Vermutlich soll das Denkmal der Welt versichern, dass die Person, deren Name auf dem Stein steht, wirklich tot ist. Warum sollte man das wollen? Wahrscheinlich, weil die Person noch lebt. Etwas anderes kann man sich kaum vorstellen.

Die Beziehung der Kinder

Es ist auch eher ungewiss, ob Müllers zwei ehelichen Kinder ihren „Vati“ wirklich so liebten. Er, der sie und ihre Mutter bereits 1939 für zwei Geliebten, deren Namen uns bekannt sind, verlassen hatte.

Die sowjetische Spur

Eine zweite Spur kam auf Umwegen von den Sowjets: die Meldung, dass russische Soldaten Müller mit intakten Ausweispapieren in der U-Bahn, ein paar Blocks von Hitlers Reichskanzlei entfernt, gefunden hatten. Die Leiche wies einen Kopfschuss auf; möglicherweise war es Selbstmord. Müller wurde dann in einem Massengrab auf dem alten jüdischen Friedhof an der Großen Hamburgerstraße in der sowjetischen Zone beigesetzt.

Die dritte Geschichte

Eine dritte Geschichte stammt von einem Deutschen, der im Sommer 1945 an Massengräbern arbeitete. Er hatte einen toten SS-General in Uniform im Garten der Reichskanzlei gefunden. Die Leiche hatte eine große Wunde am Rücken. Alle Medaillen und Ehrenzeichen fehlten, aber Müllers Ausweispapiere waren vorhanden. Der Leichnam wurde auf dem Friedhof an der Großen Hamburgerstraße beigesetzt. – Die drei Geschichten lassen sich nur schwer zu einem überzeugenden Ganzen zusammenfügen.

Weitere Rätsel

Weitere rätselhafte Elemente von Müllers Verschwinden: Seine Auszeichnungen, Medaillen und Ausweispapiere sollen aufgetaucht und 1957 seiner Familie übergeben worden sein, wurden aber nie näher untersucht. Und der Grabstein an der Lilienthalstraße wurde von einer anonymen Frau gekauft.

Aktueller Status

Müller ist heute seit vielen Jahren offiziell für tot erklärt. Die meisten Forscher glauben, dass sich sein Leichnam wahrscheinlich in dem erwähnten Massengrab auf dem Alten Jüdischen Friedhof befindet. Doch die jüdischen Vorschriften verbieten die Suche nach dem Leichnam.